Wir sind selbst schuld für unseren Speck über der Hüfte, die Bauchrolle und die letzten 5 Kilo, oder? Zumindest ist das oft die offizielle Aussage. Bauchrollen sind eben das Resultat von Willensschwäche und Fresslust. Und alle, die das verneinen, sagen nicht die Wahrheit.

Das klingt sehr hart, aber eigentlich glauben wir doch alle irgendwie, dass da was dran ist. Aber stimmt das?

Das Thema ist sehr heikel, weil man ganz leicht falsch verstanden werden kann. Deswegen werde ich mal ganz angestrengt versuchen die richtigen Worte zu finden.

Wechsel aus Fasten und Heißhungerattacken

Fakt ist, dass niemandem geholfen ist, wenn ständig Schuldzuweisungen und Vorwürfe ausgesprochen werden wie zB „Du musst halt nur weniger essen!“ oder „Wenn du mehr Disziplin hättest, würde das mit dem Abnehmen schon klappen“. Das führt nicht zu einer gesunden Ernährung und hat nicht selten schon Essstörungen oder ein seltsames Verhalten zum Essen gefördert.

Das Erschreckende ist, dass die meisten von uns irgendwann selbst angefangen haben, sich innerlich zu verurteilen, keine Geduld mit sich zu haben und sich zu vergleichen. Überraschenderweise bewirkt das aber nicht, dass wir dadurch übermäßiges Fett loswerden, sondern zieht oft einen Wechsel aus Fasten und Heißhungerattacken nach sich. Welche Auswirkungen das auf das Selbstbewusstsein hat, liegt auf der Hand.

übergewicht durch zu viel essen

Übergewicht durch zu viel Essen?

Dabei hat die Wissenschaft keine guten Beweise dafür, dass Übergewicht nur durch zu viel essen und zu wenig Bewegung kommt.

Das muss ich wahrscheinlich nochmal sagen: Studien können keine ausreichenden Beweise liefern, dass alle Übergewichtigen auch überdurchschnittlich viel essen.

Ich gehe mal davon aus, dass ich spätestens jetzt einige der Leser verloren habe. Weil die Meinung, dass man sich gesund ernährt und trotzdem dick ist, unglaubwürdig und in vielen Kreisen als „Lüge“ verpönt ist.

An dieser Stelle möchte ich differenzieren!

Zwei wichtige Perspektiven

  1. Eine Studie zeigte, dass sehr dicke Menschen (Adipöse mit einem BMI ≥ 30 kg/m2), die schon viele Diäten hinter sich haben, dazu neigen ihre tägliche Energiezufuhr um 47% zu unterschätzen. Das heißt sie glauben sie hätten knapp 50% weniger gegessen als sie tatsächlich hatten.

Aber bevor jetzt jemand „Hab ichs doch gewusst!“ ruft: auch Menschen, die nicht adipös waren und sich als „Wenig-Esser“ einstuften, unterschätzten ihre Nahrungsaufnahme deutlich und auch Adipöse, die noch keine Diäten hinter sich hatten, dachten sie würden 19% weniger Energie aufnehmen als sie eigentlich taten.

Generell wissen wir, dass die meisten Menschen denken sie würden weniger essen als sie es tatsächlich tun.

Das Spannende ist, dass jeder Mensch, dem man das sagt, gleich reagiert. Es glaubt nämlich keiner! Ich muss aber ganz ehrlich sagen, dass auch ich mich immer wieder dabei ertappe meine tägliche Energieaufnahme zu unterschätzen – obwohl Essen und Ernährung meine Leidenschaft sind und ich da aufpasse wie ein Fuchs.

  1. Obwohl jeder von uns mehr isst als er glaubt, gibt es dennoch Menschen, die weniger essen als andere und trotzdem dicker sind als die „Mehr-Esser“. Das kennen die meisten von uns auch, weil jeder eine Schwester, Freundin oder Bekannte hat, die viel mehr isst und trotzdem schlank bleibt, während wir schon gefühlt von dem Gedanken an einen Teelöffel Eis zunehmen.

Dass das unfair ist, ist klar. Der viel spannendere Gedanke ist aber: wenn wir doch alle diese Ungerechtigkeit beobachten und uns ihr bewusst sind, handeln wir nicht so. Wir vergleichen uns trotzdem mit der schlankeren Freundin, werden unsicher und machen uns Vorwürfe, dass wir nicht auch so aussehen. Dabei sind wir da vielleicht aufgrund unserer Gene einfach eingeschränkt und können nichts dafür, dass wir ein paar Kilo mehr auf die Waage bringen als jemand anderes.

Allerdings ist das kein Freibrief, dass wir übergewichtig werden dürfen, weil wir doch so gemeine Gene haben. Aber wir müssen uns nicht schämen, nur, weil wir nicht die perfekte Bikinifigur haben.

bikinifigur

Fettspeicher sind biologisch sinnvoll

Jeder Mensch kann in den allermeisten Fällen ein gesundes Körpergewicht haben. Für den einen sind das aber eben 5 oder 10 Kilo mehr als für den anderen.

Der Grund warum wir nicht akzeptieren können, dass 5 Kilo mehr aber ok sind, liegt an unserem Zeitalter. Schlank ist eben gerade angesehen – zumindest in der westlichen Kultur. In anderen Teilen der Erde würde man denen, die bei uns als attraktiv gelten, keinen zweiten Blick schenken.

Und auch in anderen Zeitaltern, hat man anders über ein paar Bauchrollen und Fetteinlagerungen gedacht. Unsere Vorfahren waren in Zeiten mit wenig Nahrung sehr dankbar für ihre Fettspeicher. Denn wer besser im Fettspeichern war, der hat auch länger überlebt, wenn die Nahrung knapp war. Effektiv Fett speichern zu können war also ein biologisch sinnvolles Programm.

Du musst beim Kontest „wer hat den flachesten Bauch“ nicht mitmachen

Das heißt, dass viele Menschen mit ein bisschen mehr Fettspeichern gar nicht so viel dafür können, dass sie nicht sie schlankeste Figur haben. Ihre Gene sorgen dafür, dass sie einfach sehr leicht Fett anlagern, während anderen das nicht so schnell passieren würde.

Mir ist dabei wichtig zu betonen, dass ich niemanden ermutigen möchte übergewichtig zu bleiben. Denn das ist ganz einfach nicht gesund und das Krankheits- und Sterberisiko steigen.

Aber  Menschen, die nach öffentlicher Meinung nicht die perfekteste Figur haben, dürfen ruhig ihre 5 Kilo mehr behalten und müssen sich nicht von der Gesellschaft und Medien einreden lassen, dass sie doch endlich mal ein bisschen mehr Disziplin an den Tag legen sollten. Denn darum geht es in den allermeisten Fällen nicht! Meistens sind diese Menschen einfach mit einem effektiveren Fettspeicher-Modus ausgestattet, der sie in Hungerszeiten vor dem Tod bewahrt hätte, während alle anderen dünnen und schlanken schon längst ins Gras gebissen hätten. Mit Willensschwäche oder gar einem schlechten Charakter hat das absolut nichts zu tun.

Wenn du also das hier heute liest und du dir immer wieder vorwirfst, dass du es nicht schaffst 5 Kilo abzunehmen um diesen komplett flachen Bauch zu haben: du musst das nicht weiter mitmachen! Du musst dich keiner strengen Routine unterwerfen, die dir das Leben versaut und dich unglücklich macht.

friends food

Praktische Schritte

  1. In der Regel haben wir deshalb zu viele Kilo, weil wir zu viel essen. Es gibt krankheitsbedingte Ausnahmen, die ein Mediziner feststellen kann – wenn du dir da Gedanken machst, lass dich vom Arzt mal durchchecken. Aber in den meisten Fällen unterschätzen wir einfach wie viel wir tatsächlich essen. Wenn du Lust hast, kannst du einfach mal aufschreiben, was du alles zu dir nimmst – aber aufpassen, dass du nichts vergisst.
  2. Übergewicht ist nicht gesund. Wenn du wissen willst, ob du da gefährdet bist, errechnest du das am besten mit dem waist-to-hip-ratio. Das ist verlässlicher als der BMI und geht folgendermaßen:

Morgens nach dem Aufstehen, unbekleidet und stehend.

Miss den Taillenumfang: Ausatmen, aber nicht den Bauch einziehen. Miss zwischen der untersten Rippe und dem Beckenkamm, knapp oberhalb des Bauchnabels.

Miss den Hüftumfang: die breiteste Stelle des Beckens.

Rechne das Verhältnis aus: Taillenumfang / Hüftumfang

Frauen Männer
Normalgewicht < 0,8 < 0,9
Übergewicht 0,81 – 0,84 0,91 – 0,99
Adipositas > 0,85 > 1,0

 

Wenn du nicht übergewichtig bist und dich darüber ärgerst, dass du nicht den perfekten, flachen Bauch oder eine „tigh-gap“ hast: musst du nicht! Diäten, Fasten und Kalorienrechnen macht auf Dauer nicht so viel Spaß. Hör auf, dir ständig Vorwürfe zu machen und deine Lebensfreude hinten anzustellen.

  1. Wenn du nicht übergewichtig bist und aber wirklich, wirklich, wirklich die 5 Kilo noch loswerden willst: ich will dich nicht bremsen. Sei dir nur bewusst, dass es dich etwas kosten wird und du sehr fokussiert arbeiten musst. Und bitte, bitte mach das auf eine gesunde Art und Weise und hungere nicht. Denn das führt nur zu unguten Heißhungerattacken, Schuldgefühlen und einem Teufelskreis. Natürliche Lebensmittel, viel Abwechslung und keine Verbote sind eine gute Richtlinie. Konkrete Tipps findest du hier.